Andreas

Andreas (in memoriam)

Diesen Text habe ich mit seiner Zustimmung nach seinem Tod geschrieben
Sabine

Andreas hatte 1987 mit 27 Jahren eine berufliche Position und Perspektive, von der Andere in diesem Alter nur träumen können. Er arbeitete in einem großen Rechenzentrum, war dort auch Schichtleiter und verdiente sehr gut. Seine Arbeit wurde anerkannt, er war einsatzfreudig und arbeitete auch an der Entwicklung neuer Verfahren mit.

Wie es in seinem Privatleben und in seinem Inneren aussah, war etwas ganz anderes. Seit seinem vierten Lebensjahr bei den Großeltern aufgewachsen, lebte er immer noch bei seiner Großmutter. Sie erdrückte ihn mit ihrer Fürsorge und verhinderte, dass er zu einem freien, erwachsenen Menschen wurde, indem sie ständig betonte, dass sie ja nur noch ihn auf der Welt hätte.

Andreas war innerlich zerrissen, unsicher, einsam und fühlte sich unverstanden. Immer hatten seine Großeltern betont, was sie alles für ihn getan hatten. Konnte er da so egoistisch sein und seine Großmutter jetzt im Alter allein lassen? Alle seine Freunde aus Schultagen waren inzwischen verheiratet, hatten eigene Familien, eigene Wohnungen. Auch er wollte endlich sein eigenes Leben leben dürfen, blieb stattdessen weiter bei seiner Großmutter und stürzte sich dafür in seine Arbeit. Mussten Überstunden gemacht werden, war er da. Gab es Probleme, wurde er auch nachts, an den Wochenenden und im Urlaub angerufen. Egal, wo Andreas war oder was er gerade tat, wenn der Europieper ertönte, war er zur Stelle.

Die Schichtarbeit verstärkte seine Isolation noch. Andreas arbeitete, wenn seine Freunde frei hatten und schlief, wenn sie mit Anderen feierten.

Aber das Schlafen, besonders das Einschlafen, wurde immer schwerer. Seine Gedanken kreisten ständig um eventuelle Probleme in der Firma. Der Druck, unter dem er lebte, wurde immer stärker.

Um einschlafen zu können, begann Andreas abends ein Glas Wein zu trinken. Bald, sehr bald, reichte ein Glas nicht mehr. Als auch eine Flasche nicht mehr reichte, stieg er um auf Whisky.

Er konnte es sich ja leisten, Ballantines musste es schon sein.

Sehr schnell war Andreas bei einer dreiviertel Flasche täglich angekommen. Noch glaubte er, sich kontrollieren zu können, indem er vor dem Schlafengehen den letzten Rest wegschüttete, denn er wusste sehr gut, dass er den auch noch austrinken würde, sollte er nachts wach werden. Und dann hätte er morgens mächtige Probleme, klar im Kopf zu werden. Oft musste er sich morgens in ein heißes Bad legen, um wach zu werden. Er trank nun auch heimlich im Büro. Als er beim Ausparken zum Feierabend einen anderen Wagen rammte, war der Führerschein wegen Alkohol am Steuer weg.

Längst hatte man im Rechenzentrum seine Trinkerei bemerkt. Man machte sich Sorgen um die Qualität der Arbeit. In einem Gespräch legte man Andreas nahe, eine Therapie zu machen, sonst müsste man ihn entlassen. Selbst überhaupt nicht von der Notwendigkeit überzeugt, stimmte Andreas zu. Die Sozialsachbearbeiterin der Firma besorgte ihm einen Therapieplatz und als sie erfuhr, dass Andreas immer noch bei seiner Großmutter lebte, kümmerte sie sich auch darum, dass Andreas eine Werkswohnung bekam.

In der Therapie beteiligte sich Andreas kaum an den Therapiegesprächen. Er verachtete seine Mitpatienten. Das waren doch Sozialfälle. So würde er nie enden, er hatte doch schließlich einen klugen Kopf, er würde das schon allein schaffen.

In den letzten Wochen der Therapie kümmerte er sich mehr um seine neue Wohnung und deren Einrichtung als um die Therapie. Es kam, wie es kommen musste: Keine sechs Wochen nach dem Ende der Therapie begann er wieder zu trinken. Ständig zwischen München, Hamburg und Berlin unterwegs, mit dem gleichen Druck im Nacken, hatten sich eben nur ein paar Äußerlichkeiten verändert.

Drei Monate später wurde Andreas 1990 fristlos gekündigt und musste seine Wohnung räumen. Aber darum kümmerte er sich nicht. Er flüchtete in den Alkohol und fuhr mit der Bahn kreuz und quer durch Deutschland. Immer wieder als hilflose Person aufgegriffen, lernte er sehr schnell, sich aus den Krankenhäusern zu entfernen ohne sich zu verabschieden.

Irgendwann war sein Geld alle und er kehrte nach Berlin in die Wohnung seiner Großmutter zurück. Sie war zu dieser Zeit schon schwer krank. Dass sie ins Krankenhaus kam, später dort starb und dann beerdigt wurde, bekam Andreas durch seinen Alkoholnebel kaum mit. Inzwischen trank er immer bis zur Bewusstlosigkeit. Die Wohnung verkam zur Müllhalde und Kloake. Es interessierte Andreas nicht. Einzig sein „Stoff“ war wichtig.

Wenn er schweißgebadet und zitternd erwachte, nur mit dem einen Ziel, sich wieder Alkohol zu verschaffen, kämpfte er sich unter unsäglichen Mühen und Schmerzen in seine Sachen, die Treppen hinunter und zum nächsten Laden. Mit beiden Händen musste er die Flasche aus dem Regal holen, weil er sie sonst nicht hätte halten können. Das Geld hatte er immer abgezählt in der Hand, damit die Kassiererin seine zitternden Hände nicht bemerken sollte. Die Anstrengung, solange er gesehen werden konnte, möglichst geradeaus zu gehen, ging fast über seine Kräfte.

Endlich in der Wohnung, nahm er gierig den ersten Schluck. Der Alkohol brannte wie Feuer in seiner Kehle und in seinem Magen und kam sofort wieder heraus. Er trank, bis er wieder in seinem ersehnten Dämmerzustand war und von der Welt nichts mehr mitbekam. Feste Nahrung vertrug sein Magen schon lange nicht mehr.

In einer solchen Nacht muss es gewesen sein. Ob es eine brennende Zigarette war oder eine Kerze, wusste er auch später nicht. Es entwickelte sich ein Schwelbrand. Zum Glück bemerkte den Brand ein Nachbar und alarmierte die Feuerwehr.

Andreas wurde mit einer schweren Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht. Keine zwei Tage später verließ er das Krankenhaus wieder, natürlich ohne sich zu verabschieden. Der Entzug war stärker als die Rauchvergiftung.

Andreas war nun obdachlos. Nur mit einem Hemd und einer Hose auf dem Körper, ohne Papiere, ungewaschen und barfuß, irrte er die folgenden drei oder vier Monate (genau wusste er es auch später nicht mehr) auf den Straßen und in den U- und S-Bahnen in Berlin herum. Die Menschen machten einen großen Bogen um den dreckigen, stinkenden Haufen Penner, der da in einem unruhigen Halbschlaf vor sich hindämmerte. Man kann es sich als Obdachloser draußen nämlich nicht leisten, ruhig und tief zu schlafen.

Am frühen Morgen des 07. Juli 1992 war Andreas dann auf seinem körperlichen und psychischen Tiefpunkt angekommen. Übernächtigt und im Delirium taumelte er durch die Gegend, in der er aufgewachsen war. Er wusste genau, wo er war und was auf den Straßenschildern stehen musste, doch er konnte es nicht lesen. Es war in einer ihm fremden Sprache geschrieben. Er befürchtete, nun auch noch das letzte, worauf er ein wenig stolz war, nämlich seinen Verstand zu verlieren. Da gab er auf.

Auf den Stufen des Rathauses brach er zusammen. Vollkommen entkräftet, war es ihm gleichgültig, dass der Pförtner drohte, die Polizei zu rufen. Die Beamten brachten Andreas auf seinen Wunsch hin ins Krankenhaus. Frisch gewaschen schlief er erst einmal 24 Stunden durch, zum ersten Mal nach langer Zeit. Als die Ärzte ihm dann anboten, eine zweite Therapie zu machen, war er erstaunt. Er, der bereits eine Therapie und unzählige Entzüge mitgemacht hatte und immer wieder rückfällig geworden war, sollte eine zweite Chance bekommen? Er ergriff die Chance und machte noch einmal eine Therapie. Alles, was in seiner ersten Therapie scheinbar an ihm vorbei gegangen war, arbeitete er dabei gleich mit auf.

Grenzenlos misstrauisch sich selbst gegenüber traute Andreas sich nicht zu, nach der Therapie allein zu wohnen. Er zog in eine Einrichtung für betreutes Wohnen und begann regelmäßig Selbsthilfegruppen zu besuchen. In der Einrichtung fing er an, sein Leben wieder zu ordnen. Da er seit seiner Entlassung aus der Firma nicht krankenversichert gewesen war, wollten die Krankenhäuser nun, nachdem er wieder einen Wohnsitz hatte, ihr Geld für die Behandlungen sehen, der Vermieter wollte Schadenersatz für den Brandschaden und so weiter. Wenn es gar nicht gehen wollte, bat Andreas die Sozialarbeiter der Einrichtung um Hilfe, und nach und nach brachte er Ordnung in das Chaos.

Er begann auch wieder zu arbeiten, zunächst nur ein paar Stunden in einem Teilzeitjob vom Sozialamt, später bekam er einen Jahresvertrag. Nach acht Monaten konnte er sich eine eigene, kleine Wohnung nehmen. Diese Wohnung war sein Rückzugsgebiet, seine Höhle. Andreas hat viel später einmal gesagt, das Schlimmste während seiner Obdachlosigkeit war, dass es nirgends einen Ort für ihn gab, an den er sich zurückziehen konnte und wo er in Sicherheit war.

Es gab dann Zeiten der Arbeitslosigkeit, die Andreas nutzte, um sich weiterzubilden. Er machte einen Abschluss als Netzwerkfachkraft und arbeitete später in einer Weiterbildungsfirma als PC-Techniker und Netzwerkadministrator. Lange zögerte er, sich selbst einen PC anzuschaffen. Würde ihn das nicht wieder zu sehr unter Druck setzen?

Aber er kaufte sich dann doch einen PC und nutzte und vertiefte seine Kenntnisse über Datenschutz und Datensicherheit. Die technische Seite eines PC faszinierte ihn und er begann, sich auch darin zu perfektionieren. Er konnte hervorragend PCs reparieren und stellte sein Wissen auch Anderen zur Verfügung. Nach einiger Zeit meldete er ein Gewerbe an und verdiente sich so nebenberuflich mit der Reparatur von PCs Geld dazu.

Erst 2001 holte er sich dann seinen Führerschein wieder und kaufte sich ein gebrauchtes Auto.

Als er im Zuge von Einsparungen in der Weiterbildungsfirma 2002 entlassen wurde, machte er sich selbstständig und gründete seine eigene Computer - Firma. Die ganzen Jahre über besuchte er zweimal in der Woche seine Selbsthilfegruppe. Er moderierte dort jahrelang eine eigene Gesprächsrunde, in der er mit seinen Erfahrungen vielen Anderen nützliche Tipps geben konnte.

Er stellte die Gruppe ebenfalls jahrelang im Krankenhaus auf der Entzugsstation vor. Auch da war seine Geschichte für viele ein Ansatzpunkt zum Nachdenken und eine Ermutigung.

Im Januar 2005 hat Andreas geheiratet. Sechs Wochen nach seiner Hochzeit bekam er die schreckliche Diagnose: Lungenkrebs. Aber er nahm den Kampf noch einmal auf.

Andreas hat 14 Monate um sein Leben gekämpft. Sein Spruch war: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Der Krebs war stärker. Aber nie, zu keinem Zeitpunkt kam es Andreas in den Sinn, sich wieder mit Alkohol zuzudröhnen. Er sagte immer: Gegen die Alkoholsucht kann ich selbst etwas tun. Mit dem Krebs bin ich auf die Kunst der Ärzte angewiesen. Wenn er schon gehen muss, hat er gesagt, dann will er in Würde gehen. Das funktioniert aber nicht mit einem benebelten Kopf.

Und Andreas hat es geschafft. Seine 14 Jahre Trockenheit konnte er nicht mehr erleben. Aber dafür war er bis an sein Lebensende trocken.

 

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Letzte Änderung:   Samstag, 13. Januar 2007

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