Im Banne der Gefühle

 Glückssuche - Im Banne der Gefühle

Endlich hat man es geschafft. Die Entscheidung für ein Leben ohne Alkohol ist gefallen.
Man ist voller Energie und Ehrgeiz. Man will sein Leben neu ordnen und eine neue Lebensqualität entwickeln.

Für viele wird dieser erste Schritt ein Moment der Freude, aber auch der Zweifel und Ängste sein. Trotzdem ist man glücklich diesen ersten Schritt geschafft zu haben. Doch wie lange wird dieses Glücksgefühl anhalten? Einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder zehn Jahre?

Stellt Euch nun vor, Euer größter Alptraum wird wahr. Es muss nicht immer der Rückfall sein. Ihr werdet z.B. entlassen oder Ihr sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Euer Kind wird drogenkrank oder Euer Lebenspartner stirbt.
Wie lange werden Trauer, Verzweiflung und Schmerz dauern? Was wird aus dem Ehrgeiz, aus der Energie?

Die meisten Menschen glauben zu wissen, wie sie auf bestimmte Ereignisse emotional reagieren werden - und liegen damit völlig falsch.

Zu dieser Feststellung kam jedenfalls eine Gruppe amerikanischer Glücksforscher. Nicht, dass wir bei der Prognose unserer Gefühle völlige Dilettanten wären. Wir können ziemlich genau die generelle Richtung einer zukünftigen Emotion bestimmen und wir sehen richtig voraus, dass ein Urlaub positiver stimmt als ein Krankenhausaufenthalt. Wenn es aber um Feinheiten geht, ist es mit der menschlichen Fähigkeit zur emotionalen Vorschau nicht weit her.
Dies belegt jedenfalls eine umfangreiche Untersuchung zum sogenannten "affective forecasting", einem Zweig der Erforschung menschlicher Prognosefähigkeit.
Das heißt im Klartext: Menschen überschätzen die Intensität und Dauer ihrer Gefühle beim Eintreffen bestimmter Ereignisse.

Jeder von uns kann sich bestimmt an seine nasse Zeit erinnern und an den Zeitpunkt, wo er sagte: "Bis hierher und nicht weiter." 

Versucht Euch nun an Eure Gefühle zu erinnern. Waren es nicht gerade diese Empfindungen die uns geholfen haben trocken zu leben?

Doch wo waren diese Empfindungen in der ersten Zeit der Abstinenz, als wir unser Leben langsam wieder ordneten und die Familie wieder zueinander fand?

Aus negativen Empfindungen wurden positive – Glücksgefühle.

Glück und Trauer, also Empfindungen, sind keine konstanten Größen, sondern eher wellenartige Phänomene.
Empfindungen, die sich im ersten Moment nach einem Ereignis einstellen, ändern meist rasch ihre Intensität und Durchschlagkraft.

Menschen neigen öfter dazu, negative Empfindungen zu verdrängen. Schuld daran ist eine Art psychologisches Immunsystem, mit dem jeder Mensch ausgestattet ist. Genau wie das physiologische Immunsystem Antikörper bildet, die schädliche Eindringlinge eliminieren, stehen auch seinem emotionalen Gegenstück wirkungsvolle Waffen zu Verfügung. Immer geht es dabei darum, gefühlsgeladenen Situationen das Unvorhergesehene, Unbegreifliche, Überwältigende zu nehmen, sie zu erklären, ihnen Sinn zu geben, sie normal oder gar banal erscheinen zu lassen – und damit überschießenden Emotionen den Boden zu entziehen.
Bei negativen Ereignissen arbeitet das Schutzsystem schnell und wirkungsvoll. Erscheint dem verlassenen Ehemann der Auszug seiner Partnerin zunächst als Katastrophe, fängt er rasch an, sich die Trennung emotional "zurecht zu biegen".
Er redet sich ein, dass er den Konflikt schon lange hat kommen sehen oder, dass er selber in der Beziehung nicht glücklich war. Irgendwie alles alt bekanntes. Jeder von uns kennt dieses "zurecht biegen".

Was ist aber nun daran auszusetzen, wenn negative Gefühle hinter den Erwartungen zurückbleiben? Nichts, könnte man sagen, man übersieht aber dabei, dass fehlerhafte Erwartungen oft Fehlentscheidungen nach sich ziehen, wie im folgenden Beispiel:

Jeder, der zur Zeit keine Arbeit hat ist froh, wenn er sich wieder auf dem Arbeitsmarkt integrieren kann. Die Erwartungen an den neuen Job oder die Umschulung sind hoch. Negative Gefühle, wie Zweifel oder Ängste werden verdrängt und durch positive Empfindungen, wie finanzielle Sicherheit oder Anerkennung ersetzt.
Es kann also zu einer Fehleinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit kommen, die bei einem Betroffenen erheblichen Schaden anrichten kann, sollte sich herausstellen, dass er nicht für diese Tätigkeit geeignet ist.

Man sollte also seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben und genau prüfen ob man all dem gewachsen ist. Doch wären wir wirklich glücklich, wenn es keine Prognosefehler geben würde?

Wären wir glücklicher, wenn wir die Diskrepanz zwischen erwateten Gefühlen und Realität durchschauten?
Sollen wir auf Vorfreude oder Lampenfieber verzichten, selbst wenn sie überzogen sind?

Ich glaube, dass die Tendenz zukünftige Gefühle in der Fantasie zu übertreiben, in manchen Situationen und vielleicht gerade in einem Leben ohne Alkohol nützlich sein kann. Wer negative Gefühle aus seiner nassen Zeit überschätzt oder zumindest aufrechterhält, wird alles tun, um diese unangenehmen Situationen zu vermeiden.

Übertriebene Vorstellung positiver Gefühle wiederum – die Zufriedenheit mit seinem eigenen Leben, der Stolz auf das, was man erreicht hat, motiviert intensiver und ausdauernder, sich zu bemühen.

Diese Schutz – und Motivationsfunktionen kommen aber nur da zum tragen, wo man sie selbst beeinflussen kann.
Liegen Ereignisse dagegen außerhalb der eigenen Kontrolle, wirken übertriebene Ängste oder Freuden eher lähmend. So kann die übertriebene Sorge gegenüber einem anderen Menschen Lebensenergie rauben. Und wer sich ständig in die vermeintliche Paradieswelt träumt, verpasst womöglich reale Chancen, sein Leben zu verbessern.

Es ist also einen Versuch wert die eigene Vorstellung über das, was glücklich macht, kritisch zu hinterfragen.

Ich wünsche Euch viel Spaß bei Eurer Glückssuche und ein langes, glückliches und trockenes Leben.

           D.D

 

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Letzte Änderung:   Samstag, 13. Januar 2007

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