Kann ein Süchtiger "gesund" werden ?

Mit dem Begriff „Trockener Alkoholiker“ habe ich immer meine Schwierigkeiten gehabt. Auf der einen Seite dachte ich mir: Ein Kind wird im Laufe seiner Entwicklung „trocken“, es pullert nicht mehr in die Hosen. Zum anderen hört sich „trocken“ in meinen Ohren auch so an: vertrocknet, staubtrocken. Wenn meine Pflanzen trocken sind, ist es höchste Zeit, sie zu gießen.

Ich denke mir, dass genau in diesem Sinne das „Trocken werden“ für viele Alkoholiker auch etwas Abstoßendes hat. Deshalb war der Gedanke, Alkoholabhängigkeit als Krankheit zu verstehen, schon ein Schritt in die richtige Richtung. Nur wie geht es dann weiter? Wer lebt schon gerne mit dem Bewußtsein, krank zu sein und das auch noch für den Rest seines Lebens?

Den Begriff „genesender Alkoholiker“ habe ich zum ersten Mal bei Melody Beattie gelesen. Sie ist mehrfach abhängig, arbeitet inzwischen als Therapeutin in den USA und schreibt Bücher zum Thema Sucht und Co-Abhängigkeit.

Der Begriff „genesender Alkoholiker“ setzte bei mir eine Flut von Gedanken und Schlußfolgerungen in Gang.

Ich dachte mir: Ein Genesender befindet sich auf dem Weg zur Gesundheit. Wie lang der Weg ist, spielt dabei keine Rolle. Kann ein Süchtiger also „gesund“ werden?

Das Krankheitsbild Sucht ist von zwei Aspekten geprägt: Der eine Aspekt ist die physische (körperliche) Abhängigkeit. Der Körper ist an ein Gift, eine Droge gewöhnt. Bekommt er sie nicht mehr, spielt er verrückt. Der andere Aspekt ist die psychische (seelische) Abhängigkeit. Jeder Süchtige gebraucht sein Suchtmittel, um zu flüchten vor etwas, das für ihn unerträglich war, um sich „auszuknipsen“. Er kann aus persönlichen Defiziten heraus mit Problemen, Gefühlen und Ängsten nicht angemessen umgehen.

Um das Ziel, trocken oder clean zu werden zu erreichen, wird zunächst die körperliche Abhängigkeit behandelt. Eine Entgiftung ist je nach Suchtmittel unterschiedlich in der Dauer und in der Intensität der Entzugserscheinungen. Alkoholentgiftet zum Beispiel ist der Körper bereits nach 36 Stunden. Aber wie dann weiter? Die meisten Süchtigen haben an dieser Stelle genug damit zu tun, sich wieder in einem Leben ohne Suchtmittel einzurichten. Das gesamte Leben muß neu organisiert werden, Verantwortlichkeiten neu gelernt und Beziehungen zur Umwelt neu geordnet werden. Der 24-Stunden-Grundsatz der AA ist in dieser Zeit ein Seil, an dem sich der Süchtige festhalten kann. Es ist der tägliche Kampf gegen das Suchtmittel und für ein neues Leben. Und die Rückfallquote ist sehr hoch. Sie liegt bei „nur-Entgifteten“ bei ca. 95%! Das ist schnell nachvollziehbar, weil sich ja an den Ursachen für den Alkoholkonsum, der in die Sucht führte, nichts geändert hat.

Der Körper ist das Gift erst mal los, aber die Seele ist weiter krank. Deshalb werden Langzeittherapien oder Einzelgespräche angeboten, in denen sich der Süchtige unter fachkundiger Begleitung oft zum ersten Mal in seinem Leben mit sich selbst, seinen Ängsten und Defiziten auseinander setzen kann. Aber diese Therapien können nur ein Anfang sein. Selbst eine zwölfwöchige Therapie (und die sind inzwischen selten) kann nur die ersten Schritte auf dem Weg zur seelischen Genesung bringen. Arbeitet der Süchtige danach nicht konsequent weiter an seiner körperlichen und seelischen Genesung, kann sich jederzeit die Spirale von unbewältigten Problemen und Suchtmittel von neuem zu drehen beginnen.

In seiner Saufzeit hatte Andreas wie jeder Süchtige mit schweren seelischen Defekten zu kämpfen. In der Therapie begann sein seelischer Genesungsprozeß, parallel zum körperlichen, wobei der körperliche Genesungsprozeß sehr viel schneller abläuft als der seelische.

Andreas ist seit elfeinhalb Jahren trocken. Nach seinem eigenen Lebensgefühl „braucht“ er jetzt den Alkohol so nötig wie Babywindeln, nämlich überhaupt nicht. Ein volles Schnapsregal interessiert ihn in etwa so wie die Regale für die Monatshygiene von Frauen. In meinen Augen ist er gesund.

Er lebt ein gesundes, zufriedenes Leben, er ist gesund mit einer latenten Gefahr in Körper und Seele.

Ich hatte vor mehr als dreißig Jahren einmal die Windpocken, an sich eine harmlose Erkrankung. Was ich nicht wußte war, dass die Viren, die zu dieser Erkrankung geführt haben, weiter in meinem Körper blieben. Voriges Jahr war mein Immunsystem durch Streß so sehr geschwächt, dass ich eine Gesichtsrose bekam. Das ist eine Erkrankung der Nervenknoten im Gesicht, die durch genau diese Windpocken-Viren ausgelöst wird. War ich nun die ganzen Jahre krank oder war ich gesund mit einer latenten Gefahr im Körper? Meine Erkrankung kann jederzeit wieder ausbrechen, wenn ich nicht ein wenig auf mich achte. Aber bis dahin bin ich in den Augen jedes Arztes und auch meiner Umwelt gesund.

Andreas muß wie ich auf sich achten, damit seine Krankheit nicht wieder zum Ausbruch kommt.

Mir war sofort klar, dass diese Gedanken, falsch aufgefaßt, sehr gefährlich für Süchtige, insbesondere Alkoholiker sind. Weil sie, wiederum falsch aufgefaßt, die Folgerung nahelegen, dass man dann ja auch wieder Alkohol trinken kann. Wenn sich daran die Definition von gesund oder krank festmacht, dann will ich lieber krank genannt werden. Wenn nur der gesund ist, der Alkohol trinken kann, dann bin ich lieber krank. Ich trinke nämlich keinen Alkohol.

Wir arbeiten seit Jahren in einer Selbsthilfegruppe und haben Gespräche mit Hunderten von Süchtigen geführt. Eines ist dabei immer wieder deutlich geworden. Ein zufrieden trockenes Leben führen nach unseren Beobachtungen nur diejenigen, die auch den seelischen Genesungsprozeß fortgeführt haben. Sehr viele seit Jahren trockene Alkoholiker sind noch weit entfernt vom zufriedenen trocken leben, weil ihre Seele die Defekte noch nicht überwunden hat, die einst zum Saufen geführt haben.

Aber es ist möglich, dieses zufrieden trockene Leben zu erreichen. Notwendig dazu ist die Fortführung des seelischen Genesungsprozesses. Das bedeutet, immer wieder bei sich selbst nachzufragen, zu welchem Zweck habe ich den Alkohol benutzt? Was war so schwer zu ertragen für mich, dass ich es mit Alkohol betäuben mußte, dass ich flüchten wollte? Sich mit diesen Problemen, Gefühlen und Ängsten dann auseinander zu setzen, ist Schwerstarbeit. Aber sie ist notwendig, um den seelischen Gesundungsprozeß voran zu bringen.

Sabine

 

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Letzte Änderung:   Samstag, 13. Januar 2007

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